Karakorum 2003

Von Askole zum Concordia Platz

Dienstag, 26.8.2003
Askole - Korophon

Früh standen wir auf und ich wurde von Golam dem Koch mit einem fürstlichen Frühstück verwöhnt, so wie ich es mir selber auf einer Trekkingtour niemals machen würde. Nach dem Frühstück organisierte Sahid das Auswiegen der Lasten für die Träger - ein sehr heikler Punkt an dem schon so manche Expedition gescheitert ist. Jeder Träger transportiert 24 Kilo plus einer Metallkraxe für den Transport, die so um die 6 Kilo wiegen dürfte. Nach dieser Prozedur, die bestimmt eine dreiviertel Stunde dauerte, ging es dann endlich los. Zuerst ging es durch das kleine Dorf Askole, dann durch Weizenfelder und dann entlang des Braldu in Richtung Biafo Gletscher, wo unser erstes Lager Korophon auf uns wartete, was wir am frühen Nachmittag nach ca. 4 Stunden erreichten.

Korophon liegt an der Stirn des Biafo Gletschers - dem zweitgrößten Gletscher im Karakorum nach dem Siachen. Über diesen Gletscher geht es zur Latok Gruppe und zum Ogre, der 2001 nach 24 Jahren das zweite mal durch Thomas Huber, Iwan Wolf und Urs Stöcker bestiegen werden konnte. Schnell baute ich mein Zelt auf und machte mich auf den Weg zur großen Seitenmoräne des Biafogletschers. Lang lag ich auf einem großen warmen Stein und genoß den grandiosen Blick über den Biafogletscher. So verging der Nachmittag und wiedermal ein wunderschöner Tag in dieser tollen Landschaft.

Mittwoch, 27.8.2003
Korophon - Bardumal

Heute ging es immer tiefer ins Herz des Karakorums rein. Nach der Querung des Biafogletschers ging es durch das weite Flußbett des Braldu in Richtung Bardumal.

Der Weg verlief auf gutem Pfad und wurde nur durch eine Hängebrücke unterbrochen, die von einem Balti bewacht und in Stand gesetzt wird - natürlich für eine Maut, die es für die Überquerung der Brücke zu entrichten galt.

Donnerstag, 28.8.2003
Bardumal - Pajiu

Heute sollte der Tag kommen, wo ich zum erstenmal die mächtigen Granittürme am Rand des Baltorogletschers zusehen bekommen sollte. Aber es sollte auch der Tag mit der gefährlichsten Wegstrecke werden. Nach dem Frühstück spurteten die Träger wieder davon um dann wieder wie jeden Tag immer langsamer zu werden. Es ging einige Zeit auf einem breiten Streifen über dem Braldu entlang, der immer enger wurde bis er als schmaler Weg im Hang direkt über dem Braldu verlief. Der Hang bestand aus lockerem Gletschersediment mit dicken Steinen. An einer Stelle war der Pfad kaum noch als Pfad erkennbar und man mußte sich vorsichtig am Hang entlangtasten und aufpassen nicht in den 30m tieferen Braldu abzurutschen. Ich mit meinen Bergschuhen war ich da noch relativ fein dran - aber die Träger mit ihren Plastikturnschuhen ... Überhaupt kann die Leistung der Träger gar nicht hoch genug eingestuft werden, wenn man sich mal überlegt mit welch klappriger Ausrüstung die zwei Wochen am Baltoro unterwegs waren!
Dann um eine Wegbiegung war es dann soweit - das Gletschertor des Baltorogletschers kam in Sicht und mit ihm die bis zu 2000 Meter hohen Wandfluchten der Trango Towers und Kathetralen.

Am frühen Nachmittag erreichten wir dann Pajiu - der letzte Lagerplatz bevor es dann auf den Baltorogletscher geht.

Freitag, 29.8.2003
Akklimatisierungstag in Pajiu

Heute stand ein Akklimatisierungstag auf dem Programm, denn Pajiu liegt bereits auf 3450m. Akklimatisieren heißt hoch steigen tief schlafen. Also stand ich früh auf und nahm mir vor einen Hügel auf der anderen Seite des Braldu zu erklimmen in der Hoffnung einen tollen Blick auf die Trango Türme zu haben. Gedacht getan. Ausgerüstet mit ein paar Chapatis ließ ich mir von Sahid zeigen, wie ich mit dem Cable Car über den Braldu komme. Das Cable Car ist eine Obstkiste, die an einem Drahtseil hängt und in der man sich selbst über den Fluß ziehen kann.

Sahid ging dann zurück und ich steuerte am anderen Flußufer einen Hügel an, von dem ich meinte, daß er einigermaßen erklimmbar sei. Am Anfang waren noch Fußspuren vorhanden, die aber scnell verschwanden, so daß ich mir meinen Weg selber suchen mußte. Immer höher ging es und immer mehr Wolken zogen auf so daß die ganzen Felstürme zwar schon recht spektakulär aussahen, aber halt zum Teil in Wolken - schade!

Die Luft wurde merklich dünner und das Steigen merklich anstrengender. Auf einem großen Felsblock hoch über dem Baltoro machte ich dann eine lange Pause in der Hoffnung, daß das Wetter noch ein Einsehen mit mir haben möge - aber nichts. Etwas traurig und vorallem müde trat ich getröstet durch eine ganze Menge Edelweisse den Rückweg an. Keine Ahnung wie hoch das Hügelchen gewesen sein mag - zurück im Lager hatte ich mir wenigsten ein paar Respect Credits bei den Trägern verdient - und Sahid meinte, daß ich heute bestimmt über 5000m war - was ich allerdings nicht so ganz glauben konnte!

Samstag, 30.8.2003
Paiju - Urdukas

Heute sollte es auf den 60km langen Baltorogletscher gehen. Der Pfad zog sich noch eine Stunde am Hang entlang, bis es dann runter auf den Baltorogletscher ging und dann über Geröll auf den Gletscher. Überhaupt ist von den ungeheuren Eismaßen relativ wenig zu sehen - alles ist mit einer dicken Geröllschicht bedeckt. Das Wetter wurde immer schlechter und hüllte die Füße der gewaltigen Trango Türme in dichte Wolken. Gleichzeitig mit dem Wetter wurde auch meine Laune immer schlechter, seit Monaten freu ich mich schon diese gewaltigen 2000m hohen Türme zu sehen und jetzt diese Schei...! Da half auch kein Warten und Steine schmeissen, als ich mißmutig an den Türmen vorbeiwanderte. Als ich den letzten Anstieg nach Urdukas unter die Füsse nahm hatte der Herrgott aber dann doch noch ein wenig Mitleid mit mir und schickte für den Abend einen Wolkenslot, der unglaubliche Blicke über den Baltorogletscher auf die Trango Türme und Kathetralen eröffnete! Was für Augenblicke!

Urdukas ist wegen dem überwältigenden Blick einer der berühmteren Lagerplätze am Baltoro - und er ist auch ganzjährig bewohnt! Ein kleines Lager der Armee soll den Nachschub zum Siachen Gletscher sichern und die "bösen" Inder an einer Invasion hindern!

Die armen Teufel müssen hier das ganze Jahr aushalten - auch im Winter wurde mir gesagt! Für Bergsteiger ein Eldorado - aber im Winter - ich weiß nicht?!

Sonntag, 31.8.2003
Urdukas - Goro II

Natürlich hatte es fast die ganze Nacht geregnet und ich machte mich schon auf einen kompletten Regentag gefaßt. Ich packte nach dem Frühstück mein waschelnasses Zelt in den Rucksack installierte Gore-Hose und Jacke und machte mich auf den Weg die Träger einzuholen. Doch was für eine Überraschung - wieder riss das Wetter ganz überraschend auf und eröffnete tolle Blicke auf die Berge, die alle mit feinem Neuschnee gezuckert waren. An diesem Tag ließen wir die Trangos hinter uns uns wanderten am Fuße der Kathedralen vorbei in Richtung Yermanendu Gletscher, der sich aus einem Seitental vom 7821m hohen Masherbrum kommend von der Seite in den Baltorogletscher schiebt.

Der Weg über das Geröll war erstaunlich gut, so daß ich auch ohne Sahid immer gut den Weg über den Gletscher fand. Ich machte oft Pausen um auf den richtigen Wolkenslot für ein Foto zu warten und um diese irre Landschaft in mich aufzunehmen. Als ich dann wieder auf die Träger stieß war das Mittagessen schon fertig. Es gab frische Pommes, Suppe und Kekse - toll was der liebe Golam so alles aus seiner Küche hervorzauberte! Gegen Abend erreichten wir Goro II unser erstes Lager, das wirklich auf dem Gletscher lag. Dementsprechend kalt wurde auch die nächste Nacht. Ich bemitleidete schon die armen Träger, aber als ich mich dann einmal unter deren Plane wagte, war es da bacherlwarm. Der Kocher lief zum Chapati backen und wärmte so vortrefflich den kleinen Raum unter der Plastikplane. In der Nacht war ich dann aber doch lieber in meinem warmen Daunenschlafsack!

Montag, 1.9.2003
Goro II - Concordia Platz

Kalt war die Nacht, aber klar der Morgen - was für ein Sonnenaufgang. Glasklar lag der untere Baltorogletscher mit seinen Granitburgen dar und zum erstenmal waren alle Gipfel einschließlich des widerspenstigen Paiju Peaks ohne Wolken zu sehen. In Richtung Concordia Platz war das riesige Trapez des Gasherbrum IV zu sehen. Schnell packte ich meine Sachen - ich konnte es kaum noch erwarten den berühmten Concordia Platz zu erreichen - das schlagende Herz des Karakorums mit Blick auf den Berg der Berge. Vorbei ging es am Mustagh Tower zum Concordia Platz, der ich gegen Mittag erreichte. Was für ein traumhafter Platz in Mitten dieser hohen Berge. Hier treffen die Ströme des Godwin Austin, des Vigne und Abruzzi Gletscher zusammen und fließen als Baltoro Gletscher Richtung Osten. Fürs erste hielt sich der K2 noch bedeckt und ich "mußte" Vorlieb nehmen mit dem Blick auf den Broad Peak, die Gasherbrums, Baltoro Kangri, Mitre Peak ... und einem Schluck des Local Teas, den meine Begleiter alle jeden Tag zu sich nahmen!

Ich sag nur Buttertee - das war wohl schwarzer Tee mit Salz und Butter. Für einen Europäer läuft das eher unter Suppe als unter Tee - schwer gewöhnungbedürftig.

Dienstag, 2.9.2003
Concordia Platz

Heute sollte es zum K2 Basilager gehen - aber der Akku des Herrn Dressel war heute einfach leer! Keine großen Ruhetage in den letzten vier Wochen, die Höhe und eine schlechte Nacht ließen mich die Entscheidung treffen heute mal einfach gar nichts zu machen und einfach nur die Gegend zu geniessen und auf das K2 Basislager auf dem Godwin Austin Gletscher zu verzichten. Ein wolkenloser Himmel liessen heute auch den K2 in ganzer Schönheit erstrahlen. In den verschiedensten Stimmungen zeigte sich der Berg der Berge vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang! Daneben der Broad Peak - eine wahre Schau für jeden der was für alpine Landschaften übrig hat!

Doch meine Schwäche und die irre Sonneneinstrahlung ließen mich die meiste Zeit im Zelt verweilen und vor mich hindösen. Ein etwas trauriger Vorgang war heute die Auslosung der Träger, die heute zurück nach Askole gehen mußten. Für die betroffenen war das ein schwerer Verdienstausfall. Die beiden nahmen es aber tapfer und machten sich auf den Weg in Richtung Heimat. Sahid und Sawar der Sirdar waren heute zum nächsten Lager gegangen, um zu schauen, ob die Fixseile über den Gondogor La noch da seien - wenn ja würden sie gleich dort bleiben und wir sollten am nächsten Tag folgen.



© Wolfgang Dressel 2003