Karakorum 2003

Fahrt von Kashgar nach Gilgit

Sonntag, 10.8.2003
Kashgar - Ghez

Sehr früh am morgen belade ich mein Fahrrad und starte zu meiner ersten Etappe auf dem berühmten Karakorum Highway - welch ein Gefühl endlich mal wieder auf einem vollbepacktem Fahrrad zu sitzen und ins Ungewisse zu starten! Obwohl heute der berühmte Sonntagsmarkt sein soll sind die Straßen von Kashgar noch relativ leer als ich so gegen 6 Uhr Kashgar hinter mir lassen und dem Pamir Gebirge entgegenstrample. 120km hab ich mir heute vorgenommen um möglichst schnell die eintönige Landschaft des Tarimbeckens hinter mir zu lassen.

Die ersten 50 Kilometer gehen recht gut von der Hand, so daß ich recht zuversichtlich bin das Tagesziel Ghez zu erreichen. Die Eintönigkeit der halbwüstenartigen Landschaft wird lediglich durch kleine Orte aufgehellt, die umgeben von dichten Pappelhainen, als kleine Oasen in dieser Landschaft liegen. Mittags treffe ich doch glatt ein französchisches Radlerpärchen - Marc und Claire, die in Istanbul gestartet sind und sich über den Iran und Tadschikistan nach China geschlagen haben. Die Abenteuer der beiden lassen sich unter www.asierouelibre.org verfolgen. Die beiden sollen außer einem Chinesen ein paar Tage später die einzigen Radler sein, die ich am KKH treffen werde. Nach einer guten Portion Rafmien - lange Nudeln mit einer Gemüsesoße - verabschiedeten wir uns wieder voneinander, um uns am Abend in Ghez wiederum zu treffen. Die Landschaft wurde nun auch bergiger und die Straße führte am Rand des Ghez Flußes immer tiefer in das Pamirgebierge hinein. Am späten Nachmittag traf ich dann in Ghez ein, ein Checkposten und ein paar Häuser. Eine einfache Kammer mit Betten wurde dann mein Domizil für die nächste Nacht, in die wenig später auch Marc und Claire einzogen.

Montag, 11.8.2003
Ghez - Kara Kul

Heute stehen laut Reisefuehrer erst einmal 40km bergauf auf dem Programm. Nach einem nicht allzu üppigen Frühstück verabschiede ich mich von Marc und Claire und beginne langsam mit dem Aufstieg zu den Kara Kul Seen, die sehr malerisch am Fuße des Muztagh Ata (7548m) liegen sollen. Das Wetter ist über Nacht traumhaft geworden, so daß mir der Aufstieg in dieser Landschaft nicht allzu schwer fällt. Schnell kommen die Ausläufer des mit 7719m etwas höheren Bruder des Muztagh Ata in Sicht und es macht richtig Spaß immer tiefer in das Pamir Gebirge vorzustoßen.

Relativ schnell habe ich die 40km Steigung überwunden und erreiche die Hocheebene in der die Kara Kul Seen liegen. Hier macht sich dann doch so allmählich die Höhe bemerkbar - die Seen liegen doch schon auf 3700m. Etwas müde erreiche ich dann am Nachmittag Kara Kul, bzw. suche mir einen traumhaften Zeltplatz an einem der kleineren See, wo ich dann den Nachmittag mit Faullenzen und Akklimatisieren verbringe - übersetzt heißt das, daß ich ziemlich fertig bin! Ein traumhafter Sonnenuntergang entschädigt für alle Mühen des Tages und erinnert einen mal wieder daran, warum man diese ganzen Strapazen auf sich nimmt!

Dienstag, 12.8.2003
Subash Plateau

Nach einer ruhigen Nacht breche ich mein Lager ab und laufe die kleine Siedlung Kara Kul an, die aus Häusern und ein paar Yurten besteht, in denen man laut Reiseführer auch übernachten kann. Bei einem zweiten Frühstück genieße ich den Blick auf den Muztagh Ata, der sich majestätisch über dem See erhebt.

Weiter geht es dann im Anblick des Muztagh Atas in Richtung Ulugrabat Paß, der mit 4200m den zweit höchsten Punkt des KKH darstellt. Davor sammel ich noch den wohl einzigen Reisnagel den es wahrscheinlich überhaupt am KKH gibt ein und muß, bevor ich die Rampe des Paßes erklimme, erst nochmal mein Vorderrad flicken. Langsam keuche ich mich dann bei Gegenwind den Paß hoch. Vom Paß geht es dann aber gemächlich bergab. Etwas abseits des Highways schlage ich dann in der Nähe eines kleinen Baches mein Nachtlager auf. Gut kann ich mir vorstellen, daß es hier auch ganz schön knapp mit dem Wasser werden kann!

Mittwoch, 13.8.2003
Ankunft in Tashkurgan

Das Wasser ist mir in der Nacht nicht zu knapp geworden! Regen und Wind haben meinem Domizil zugesetzt und so steh ich relativ frueh auf und versuche bei dem Wind auf meinem betagten MSR Benzin Kocher einen Tee zustande zu bringen. Doch es will nicht so recht gelingen. Immer noch leicht bergab geht es nun bei nicht allzu gutem Wetter über das Subash Plateau in Richtung Tashkurgan. Einzige Attraktion auf dieser Strecke war ein chinesischer Radfahrer, der mir entgegenkommt - aber leider kein Wort Englisch spricht. Es blieb also nur bei einem freundlichen Nicken und der gegenseitigen Begutachtung der jeweiligen Räder. Gegen Mittag erreiche Tashkurgan und versuche direkt auszutesten, wie das nun ist mit der Sperre der Straße zum Khunjerab Paß. Ich fahre einfach durch Tashkurgan bis zu einem Checkpoint, wo ich dann aber mit der chinesischen Freundlichkeit der Offizielen zurückgewiesen werde - schade! Nachahmern sei hier empfohlen nach einem Weg zu suchen der diesen Checkposten umfährt - da gibts bestimmt was! So bleibt mir nichts anderes übrig als mir ein Hotel zu suchen. Den Nachmittag verbringe ich damit mir Tashkurgan anzuschauen. Sehenswert ist das Fort am Rande des Ortes. Ansonsten empfand ich Tashkurgan nicht als so aufregend, was aber auch am Wetter gelegen haben kann!

Donnerstag, 14.8.2003
über den Khunjerab Paß nach Sost

Da es mir am Vortag am Transit Hotel nicht gelungen war eine Busfahrkarte zu ergattern, fand ich mich bereits sehr frueh an der Grenze ein, von wo der Bus nach Pakistan starten sollte. Lange tat sich nix und ich war bereits in großer Sorge, daß ich hier einem Mißverständnis aufgesessen wäre. Dann kam der Bus aber doch noch, allerdings so voll, daß ich keine Hoffnung hatte mit meinem Fahrrad einen Platz zu ergattern. Jetzt erst machte der Ticketschalter auf und ich konnte mit der Zusicherung des Verkäufers, daß das mit den Plätzen überhaupt kein Problem wäre, ohne weiteres eine Fahrkarte erwerben. Nach drei weiteren Stunden, in denen der Bus entladen wurde, alles durch das Kontrollgebäude getragen wurde und alles wieder verstaut wurde ging es dann in einem vollkommen überladenen Bus in Richtung Khunjerab Paß los.

Ziemlich eingezwängt saß ich zwischen allermöglichen Zeugs, von dem wohl nicht alles für den Eigenbedarf war wie mit schien. Kurz nach der Grenze kam es dann dementsprechend auch zu einer kleinen Entladung des Busses. Viele Sachen wurden auf einen Pickup geladen, der dann ziemlich schnell verschwand. Nach zwei SARS Test auf der pakistanischen Seite erreichen wir dann aber wohlbehalten Sost, wo ich wieder im Al-Mahmood Hotel absteige - diesmal aber, nachdem mich der Besitzer erkannt hatte in einem besseren Zimmer.

Freitag, 15.8.2003
Sost - Passu

Ziemlich gespannt wache ich am nächsten Morgen in der Hoffnung auf besseres Wetter auf - und siehe da ein wunderschöner Tag erwartet mich! Schnell bin ich aus dem Bett, denn ich kann es gar nicht erwarten heute wieder per Rad ins Karakorum vorzustoßen. Nach einem schnellen Frühstück gehts dann los in Richtung Passu. Da dies nur 40km sind hab ich heute noch eine Wanderung bei Passu vor. Schön gemächlich zieht sich der KKH mit kleinen Gegenanstiegen am Rand des Hunza Flusses entlang, während rechts und links die 6000 und 7000er des Karakorums stehen.

Gegen Mittag erreiche ich Passu und profitiere wiedermal von der touristischen Flaute, die zur Zeit in dieser Region herrscht, da ich entspannt unter den kleinen Hotels aussuchen kann. Ich beziehe mein Zimmer und bin schnell wieder mit einer Wasserflasche ausgerüstet auf dem Weg zum Passu Gletscher. Am Rand des Gletschers gehts dann in ein kleines Hochtal, das den Batura und den Passu Gletscher miteinander verbindet. Es ist sehr trocken, aber man wird mit tollen Blicken auf den Batura Gletscher belohnt, der mit seinen 56km der viert größte Karakorumgletscher ist.

Von einem kleinen Aussichtspunkt hat man einen tollen Blick auf die gewaltige Batura Wall, die mit vielen 7000er Gipfeln in den Himmel ragt. Und klein schlängelt sich der KKH im Tal entlang - welch ein Bild! Doch schnell merk ich, daß ich zu wenig zum Trinken mitgenommen habe, so daß ich für den Rest der Wanderung nicht mehr ganz so offen für die vielen Naturschönheiten bin. Ziemlich tot falle ich, nachdem ich nach zwei Wochen die erste warme Dusche genossen habe ins Bett und schlafe wie ein Stein.

Samstag, 16.8.2003
Passu - Minapin

Ein wenig merk ich schon den gestrigen Gewalttag in den Beinen. Doch schnell sind die müden Beine vergessen, als ich wieder das tolle Wetter draußen sehe. Schwer bepackt mit Wasser mache ich wieder auf den Weg. Heute will ich Minapin am Fuße des Rakaposhi erreichen, um am nächsten Tag zum Rakaposhi Basislager zu wandern. Jeweiter es das Hunza Tal runtergeht, desto heißer wird es. Schnell sind meine Wasservorräte aufgebraucht. Weil die Besiedelung aber immer mehr zunimmt ist es nicht schwer für Nachschub zu sorgen. Vorbei geht es am Ultar Massiv und vielen kleineren Orten. Für die Kinder bin ich natürlich eine Attraktion doch wurde ich niemals mit Steinen beworfen wie oft zu lesen ist. Mit ein paar netten englischen Worten und der Frage nach dem Namen konnte man schnell das Vertrauen der Kleinen gewinnen.

Völlig erschöpft durch die Hitze erreiche Miniapin und eine Perle des Hunza Tals - das Diran Guest House. Für einen lächerlichen Preis von ein paar Dollas gibt es hier tolle Zimmer, sehr gutes Essen und einen wunderschönen Garten mit Blick auf den Rakaposhi, der sich mit seinen 7790m direkt hinter dem Haus erhebt.

Sonntag, 17.8.2003
Rakaposhi Basislager

Heute gibt es einen Ruhetag - sag ich mir und schlafe erst einmal richtig aus! Doch recht früh wache. Tja was soll man machen sag ich mir und bin nach einem schönen Frühstück auf dem Weg ins Rakaposhi Basislager, das auf ca. 3261m liegt. Vorbei geht es an einer Alm auf die Moräne des Minapin Gletschers, wo sich einem ein fantastischer Blick auf den 7270m hohen Diran und den oberen Minapin Gletscher eröffnen. Das Basislager besteht aus einer wunderschönen Wiese, die windgeschützt hinter der großen Moräne des Minapin Gletschers liegt. Schade daß ich kein Zelt dabei habe - eine Nacht hier zu schlafen ist bestimmt ein Erlebnis. Nach einer ausgiebigen Pause, in der ich mir trotz Bewölkung einen schönen Sonnenbrand auf der linken Schulter hole, steige ich wieder bergab in Richtung Minapin.

An der Alm werde ich noch zu einem Glas - ich denke es war Yoghurt - eingeladen. Erst will ich ablehnen in Eingedenk des bevorstehenden Durchfalls, doch ich komme nicht aus! Also runter damit. Ich muß ziemlich erstaunt geschaut haben als ich den ersten Schluck getrunken habe, denn alle sind am lachen. Der Yoghurt war superlecker und hatte eigentlich auch keine negativen Nachwirkungen. Den Rest des Tages verbringe ich dann mit echtem Ausruhen und einer Diskussion mit ein paar Lehrern, die sich in dem Guest House zu einem Seminar aufhalten. Am Abend kommen dann doch glatt noch Marc und Claire, so daß der Abend noch sehr lustig wird.

Montag, 18.8.2003
Minapin - Gilgit

Eingedenk der großen Hitze breche ich sehr früh zu meiner letzten Fahrradetappe nach Gilgit auf. In der Morgenfrische bin ich dann ziemlich flott unterwegs und schnell erreiche ich den weiten Kessel in dem Gilgit liegt. Über eine Hängebrücke geht es dann nach Gilgit rein und zum Busbahnhof.

Ein Telefonat mit Malik gibt mir dann die Gewissheit, daß ich heute noch in den Genuß einer Rüttelschüttel-Busnacht komme, da ich persöhnlich beim Ministerium in Islamabad für das Baltoro Permit vorsprechen muß. Also nehme ich um 16 Uhr einen Bus nach Islamabad und ärgere mich ein wenig, daß ich so nun nicht nach Skardu radeln kann - aber bekanntlicherweise kann man ja nicht alles haben!



© Wolfgang Dressel 2003