Karakorum 2003

Anreise nach Kashgar in China

Samstag, 2.8.2003
Abflug in München

Am späten Nachmittag werde ich von meinen Eltern via S-Bahn zum Franz Josef Strauß Flughafen begleitet. Ein bißchen liegt das Gefühl von finalem Abschied in der Luft. Das Reiseziel ist diesmal auch kein gewöhnliches - nicht Mallorca oder Thailand. In letzter Zeit oft in den Schlagzeilen der Medien - allerdings nicht im Zusammenhang mit der Tourismusindustrie, soll es diesmal sechs Wochen nach Pakistan gehen. Genauer gesagt in einen der wildesten und höchsten Winkel dieser Erde - das Karakorum! Mein einziger Begleiter mein treuer Drahtesel, der es kaum erwarten kann die Pässe des Karakorum Highways zu erklimmen. Die Reiseplanung sieht vor per Fahrrad den Karakorum Highway zwischen Kashgar in China und Gilgit in Pakistan zu bereisen und anschließend zu den Basislagern von K2 und Broad Peak zu wandern.
Am Flughafen erwartet mich dann die erste Überraschung. Freundlich klärt mich die Dame am Check In auf, daß ein Kilo Übergepäck 23,75 Euro kostet und ich 30 Kilo Freigepäck mitnehmen dürfte. 49 Kilo wurden gewogen - das hies ich sollte in den nächsten Minuten 451.25 Euro an Emirates zahlen - ein echtes Schnäppchen! Mir war leicht übel als ich am Hauptschalter von Emirates zu Verhandlungen eintraf, da mir in meinem Reisebüro versichert wurde, daß jedes Kilo Übergepäck bei korrekter Voranmeldung mit 5 Euro zu Buche schlägt. Nach einigem hin und her wurde mir dann doch nur die 5 Euro berechnet, so daß ich erleichtert und mit gemischten Gefühlen, in Anbetracht des Kommenden, die Maschine nach Dubai besteigen konnte.

Sonntag, 3.8.2003
Dubai

Nach einer mehr oder weniger entspannten Nacht im Flugzeug zwischen lauter Thailand und Dubai Touristen, landete ich dann am frühen Morgen wohlbehalten am International Airport in Dubai. Einen Tag Aufenthalt sollte ich in diesem reichen Emirat haben, bevor es dann weiter nach Islamabad gehen sollte. Bei entspannten 33 Grad am frühen Morgen bestieg ich dann den Bus in Richtung Stadtzentrum, wo ich dann Katarina und Nina kennlernte, die ebenfalls einen Tag Aufenthalt in Dubai haben sollten, bevor es dann weiter nach Dehli gehen sollte. Zusammen beschlossen wir dann zusammen die Zeit bis zum Abend totzuschlagen. Nach einer Bootsfahrt auf dem Dubaifluss, der das Stadtzentrum durchschneidet, ging es dann nach einem Frühstück in den Goldsuk von Dubai Stadt, der so ziemlich das aufregendste dieses Tages werden sollte.

Nur unwesentlich weniger aufregend waren dann die vollklimatisierten Shopping Males, die alles bieten, was das Herz eines reichen Ölscheichs begehrt. Welchem Leser noch nicht die Ironie der obigen Zeilen aufgefallen sein sollte, dem sei hiermit gesagt, daß die Innenstadt von Dubai nicht besonders aufregend ist, um dort einen ganzen Tag zu füllen. Zudem war es auch reichlich heiß, was den Aktionismus zusätzlich bremste. Trotzdem verbrachten wir einen sehr schönen Tag mit Ratschen und Shopping Male Hopping, bevor es dann wieder zurück zum Flughafen für den Weiterflug ging.

Montag, 4.8.2003
Ankunft in Pakistan

Nach dreistündigem Flug landete ich dann mitten in der Nacht um 3 Uhr in Islamabad, der neuen Hauptstadt von Pakistan. Auch mein Fahrrad war - Allah sei Dank - heil angekommen. Nachdem alles zusammengeschraubt war und alle Ortliebtaschen mit dem mitgeführten Hausrat beladen waren, wollte ich eigentlich in die Stadt radeln, ein Hotel suchen und ersteinmal schlafen. Ich war hundemüde - immerhin hatte ich seit zwei Tagen nicht mehr in der Waagrechten gelegen. Doch es sollte anders kommen! Beim verlassen des Flughafens wurde ich von einem netten Herrn empfangen, der sich als Sahid Hussain vorstellte und zur Trekking Agentur Adventure Travel gehörte, mit der ich schon in Deutschland Kontakt aufgenommen hatte für die Organisation des K2 Trekkings. Außer Sahid, der, wie sich rausstellte mein Trekkingführer sein sollte, war auch noch Malik der Chef der Trekkingagentur am Flughafen.

Schnell hatte ich Vertrauen zu den beiden netten Menschen gefaßt und es ging im Jeep der Trekking Agentur in die Stadt zu einem Hotel. Es lebten also nicht nur Menschenfresser und Gotteskrieger in Pakistan, wie es bei uns oft so in den Medien rübergebracht wird, sondern anscheinend auch Menschen, die Englisch sprechen und ganz normal wirken! Da ich zu dieser Zeit noch kein Zimmer im Hotel beziehen konnte, fuhren wir in der Morgendämmerung noch ein wenig vor die Tore der Stadt, wo ich die ersten pakistanischen Eindrücke sammeln konnte. Als es dann soweit war, daß ich in mein Hotel einchecken konnte, viel ich nur noch wie ein Stein ins Bett, um mehrere Stunden in einen tiefen Schlaf zu fallen. Doch die Neugier trieb mich schnell zurück in den Wachzustand und auf die Straßen von Islamabad. Nach einem kleinen Spaziergang in der drückenden Hitze von mindestens 30 Grad stand dann das erste pakistanische Abendessen mit Malik und Sahid auf dem Programm. Danach stand noch die Besichtigung der größten Moschee Asiens bei Nacht auf dem Programm - gespendet von König Faisal von Saudi Arabien. Ich war der erste Kunde der Trekking Agentur seit dem 11. September - sprich seit zwei Jahren!

Dienstag, 5.8.2003
Islamabad

Eigentlich wollte ich erst das Trekking zum K2 Basislager machen und danach mein Radbenteuer, doch da ich bis jetzt der einzige Kunde war, disponierte ich auf Anraten von Malik um, in der Hoffnung, daß sich vielleicht zwei Wochen später doch noch ein weiterer Kunde findet, der auch zum K2 Basislager will und somit das ganze finanziell ein wenig billiger ausfallen würde. Also gleich nach Kashgar und erst radeln und dann wandern - auch recht! Da bei der Trekking Agentur keine Kreditkarten akzeptiert wurden hieß es heute genügend Bargeld aufzutreiben, um die Anzahlung für das Trekking zu leisten. Nachdem ich mit meiner Kreditkarte nicht genügend Geld auftreiben konnte, mußte ich mir das Geld von meinen Eltern via Western Union Money Transfer nach Islamabad schicken lassen. Dieser Spaß kostete mich ein wenig Aufregung und einen verlorenen Urlaubstag - das ging ja gut los!

Mittwoch, 6.8.2003
Abfahrt nach China

Nachdem ich das Geld am Morgen bei Western Union abgeholt hatte und schmerzlich dem lieben Malik in die Hand gedrückt hatte, stand zum Glück nichts mehr im Weg für das große Abenteuer. Als erstes Stand die dreieinhalb Tage dauernde Busfahrt nach Kashgar auf dem Programm - so lange für 1300km - das gibts doch gar nicht! Am Nachmittag nahm ich also dann in einem ersten Schritt den Bus von Pir Wadhai nach Gilgit der Hauptstadt - oder besser Hauptort - der Northern Areas.

Pir Wadhai der Busbahnhof liegt auf halben Weg zwischen Rawalpindi und Islamabad und verdient eigentlich gar nicht das Wort Busbahnhof. Die Verladung des Fahrrads war unproblematisch - einfach rauf aufs Dach!

Donnerstag, 7.8.2003
Fahrt über Gilgit nach Sost

Nach einer nicht gerade entspannten Nacht auf dem kurvigen KKH im Bus erreichten wir mit dreistündiger Verspätung Gilgit den größten Ort im Norden Pakistans. Als Schmankerl zum Frühstück gabs den Nanga Parbat (8125m) mit seiner 4500m hohen Rupalflanke am Busfenster. Weil der Bus soviel Verspätung hatte, hieß es erst einmal warten in Gilgit, da der Anschlußbus nach Sost bereits weg war. Der nächste Bus ging dann erst nachdem genügend Leute für ein Sammeltaxi zusammen waren. Nach einiger Zeit war dies dann auch der Fall, so daß es dann auf zur nächsten 6 stündigen Etappe nach Sost losgehen konnte - Strecke 180km. Vorbei ging es dann am Rakaposhi (7788m) durch das Hunza Tal nach Sost dem Grenzort vor dem Khunjerabpaß, wo die Grenzformalitäten erledigt werden.

Nach einem kleinen Abendspaziergang fiehl ich dann totmüde in ein echtes Bett - eine echte Wohltat nach 30 Stunden Rüttelschüttelachterbahnbusfahrt.

Freitag, 8.8.2003
Von Sost nach Kashgar

Heute sollte es über den Khunjerabpaß nach Tashkurgan und weiter nach Kashgar gehen. Nachdem die pakistanischen Grenzformalitäten erledigt waren, kämpfte sich der Bus die 85km zum 4730m hohen Kunsherab Paß hoch. Hier wurde mir dann eröffnet, daß die Strecke von Tashkurgan nach Sost derzeit leider nicht mit dem Fahrrad befahrbar sei wegen - das ist halt so - schade! Die Landschaft des wilden Karakorums geht auf der Strecke von Sost zum Paß langsam in die weiten nicht mehr so zeklüfteten Berge des Pamirs über. Nach ca. achtstündiger Busfahrt wird dann Tashkurgan erreicht. Hier finden dann die chinesischen Einreiseformalitäten statt, die neben den üblichen Prozeduren wie Stempel und Durchleuchten des Gepäcks auch eine genaue Messung der Körpertemperatur via Wärmebildkamera wegen SARS beinhalten. Dies wurde alles durchgeführt durch ein sehr mürrisches und herrisch auftretendes chinesisches Personal. Nach diesen Formalitäten steht es dem Reisenden offen, gleich den Anschlußbus nach Kashgar zu nehmen, oder erst noch eine Nacht in Tashkurgan zu verbringen. Ich entschied mich um 4 Uhr Nachmittags für die Variante gleich den Bus zu nehmen unter der Annahme, daß die 290km nach Kashgar schon nicht so lange dauern werden - um 3 Uhr nachts fiehl ich hundemüde in das Bett eines nicht so einladenden Hotelzimmers in Kashgar.

Samstag, 9.8.2003
Kashgar

Kashgar war früher eine bedeutende Stadt an der Seidenstraße. Sie liegt am Rand der Taklamakan Wüste und ist mit 180000 geschätzten Einwohnern eine doch recht große Stadt in der autonomen Provinz Xinjiang. Berühmt ist Kashgar auch für seinen Sonntagsmarkt und die Id Kah Moschee.
Da die Busfahrt doch ein wenig länger gedauert hatte, war klar, daß ich heute noch nicht starten würde, sondern erst einmal ausschlafen und dann mir Kashgar ansehen würde. Auf den ersten Bilck besticht Kashgar durch einen sehr an DDR Zeiten erinnernden Baustil. Mein Hotel fiehl in die Kategorie außen Hui innen Pfui - schöne Glasfassade und innen Installation aus dem vorigen Jahrhundert.

Mit einem Bummel durch die Stadt mit einem Japaner, den ich im Bus kennengelernt hatte, verbrachte ich dann den Tag. Dieser half mir auch bei diversen Verständigungsproblemen, die für mich zum Teil reichlich schwer zu überwinden waren. Beim Einkauf der Lebensmittel für das geplante Radabenteuer tat ich mir schon reichlich schwer. In Kashgar bestand auch die letzte Möglichkeit für eine Internetverbindung, die erstaunlich schnell war! Ansonsten blieb von Kashgar der fahle Beigeschmack, daß von Peking konsequent versucht wird die Kultur der in Xinjiang lebenden Völker zu zerstören und zu untergraben. Bei einem Gespräch mit einem englischsprechendem Einwohner von Kashgar war der Haß auf die Zentralregierung deutlich zu spüren - wenn daß mal gut geht in Zukunft!



© Wolfgang Dressel 2003