Mit dem Fahrrad zum heiligsten Berg der Erde

Allgemeine Infos

Beste Reisezeit

Der Zeitslot für den Start in Kashgar ist ziemlich eingeschränkt und sollte wegen der Regenzeit nicht vor Ende Juli und wegen des einbrechenden Winters nicht später als Ende August stattfinden. Natürlich geht es auch zu anderen Zeiten, aber ob das Spaß macht? Problem sind in dem einen Fall die Matschpisten und dem anderen Fall das Nichtvorhandensein von Wasser. Bei mir war letzteres der Fall! Ich bin am 13.8.2004 in Kashgar gestartet - das war ein guter Kompromiss!

Reisedauer

Die Strecke von Kashgar bis Lhasa plus Shortcut von Saga zum Friendship-Highway und Abstecher ins Everest Basecamp via Trekkingroute von Tingri nach Rongbuk beträgt gute 3200km. Bei einer Kilometerleistung von 60-70km am Tag (mehr ist unrealistisch!) ist die Strecke in guten zwei bis drei Monaten zu machen. Dazu kommen noch drei Tage Kailash Kora, mindestens einen Tag am See Manasarowar, Everest Basecamp und diverse Tage in den Städten Shigatse, Gyantse und Lhasa. Ich hatte in Lhasa genau 50 reine Radltage und war am 11.10.2004 in Lhasa.

Visabestimmungen

Für China benötigt man als Europäer ein Visum. In der einmonatigen Version leicht zu bekommen. Bei der 90 Tage Version wird es schon etwas schwieriger und diese benötigt man, will man nicht der Willkür chinesischer Behörden in Ali oder Shigatse ausgeliefert sein. Mit der Angabe eurer Reiseroute im Antrag des Visums ist dies aber auch machbar. Haeh wie meint er jetzt das ... ?
Wenn man über den Karakorum Highway nach Kashgar gelangt, braucht man noch ein Pakistan-Visum. Dieses ist als Deutscher leicht zu bekommen.

Permitbestimmungen

Hier liegt ein weiterer Knackpunkt der gesamten Reise!!! Eigentlich ist Tibet - und vorallem Westtibet tabu für Individualtouristen und für Radler sowieso! Man muß sich der Tatsache bewußt sein, dass man illegal von Xinjiang nach Tibet einreist. Jeder der erwischt wird fliegt raus - vorausgesetzt die nächste offene Stadt liegt nicht zu weit entfernt! Und genau da liegt die Rettung in dieser Gegend - dort gibts nämlich keine Orte und Städte! Deshalb wird das Ganze aus unerfindlichen Gründen in den letzten Jahren auch etwas lax gehandhabt. Im Moment - sprich im Sommer 2004 - wurde das Ganze von den Behörden folgendermaßen gehandhabt: Illegale Einreise über das Aksai Chin Plateau nach Tibet, freiwillige Meldung in Ali beim PSB (Public Security Bureau) und das Zahlen einer Strafe plus die Permitgebühr (30 Dollar bei mir) für ein Alien Travel Permit für Westtibet. Ich für meinen Teil bin an kritischen Checkpoints, die ich in den anschließenden Kilometertabellen auch extra markiert habe entweder sehr früh, oder zur Mittgaszeit vorbeigefahren. Kritisch sind meiner Meinung nach die ersten Checkpoints in Xinjiang, die Kreuzung in Yecheng (Karghilik) und PSB-Spitzel in Kashgar im Hotel Seaman. Kontrolliert wurde ich mitten im Nirgendwo kurz vor Domar, wo ich noch kein Permit hatte und im einzigen Restaurant in Darchen am Kailash. Und jetzt kommt das eingentlich Wichtige - das Ganze kann sich von heute auf morgen ändern! Deshalb heißt die Devise bis Ali weiterhin sich gegenüber Miltitär und Polizei so unauffällig wie irgend möglich halten!!! Sagt in Kashgar keinem außer vielleicht vertrauenswürdigen Radlern wohin ihr wollt - big brother PSB is watching you! Mit diesem Verhalten hatte ich mit der Besatzungsmacht keine weiteren Probleme - außer dass einige der Offiziellen in Tibet nicht gerade zu den Hellsten gehören - aber das kann auch mit der Versetzungsstrategie der Zentralregierung in Peking zutun haben.
Eine gute Quelle für die aktuelle Lage ist auch das Forum bei Lonley Planet - schreiben zwar auch viele Dummköpfe rein, aber für einen Durchschnittseindruck echt gut.

Anreise

Am besten ist die Anreise per Fahrrad, oder Bus über den Karakorum-Highway via Pakistan nach Kashgar. Hier kann man im Moment sicher sein, dass man ein eigenes Fahrrad nach China einführen darf. Außerdem bekommt man einen kleinen Eindruck von einem der gewaltigsten Gebirgen dieser Erde. Desweiteren können sich Leute die glauben, dass in diesem Teil der Erde nur Terroristen leben, davon überzeugen, dass hier Menschen leben, die zu nettesten und ehrenhaftesten gehören, die mir bei meinen Reisen bisher begegenet sind! Nähere Infos zum Karakorum-Highway gibts hier.

Reiseführer

Lonley Planet: "Karakoram Highway" und "Pakistan"
Kym Mc Connell: "Tibet Overland", Trailblazar Publications

Weitere Literatur

Helmut Hermann "Fahrradweltführer", Reise Know-How
Sven Hedin: "Transhimalaya", ?
Sven Hedin: "Wildes heiliges Tibet", Reclam

Kartenmaterial

Für den ersten Teil der Strecke bis in die Kun Lun Berge hatte ich Kopien der Übersichtskarte Karakorum Highway von "Survey, Footwork & Artwork" von John Callanan dabei, die auch viele Ortspläne und Bergnamen beinhaltet.
Für die weitere Strecke hatte ich die Himalaya Karte von Nelles Map dabei. Diese Karten reichen meines Erachtens völlig aus! Selbst die Wasserläufe die es sicher gibt sind in der Nelles Karte relativ genau eingezeichnet! Für Leute, die es genauer haben möchten gibt es noch amerikanische Fliegerkarten - die taugen aber wohl nix, was ich so von anderen gehört habe!

Übernachtung

Übernachtungsmöglichkeiten gibts bis Ali so gut wie keine und wenn dann sind das Dormitories in irgendwelchen Truckstops, oder Restaurants. Hotels im europäischen Sinn gibt es nur in Städten wie Ali oder Saga. Am Friendship Highway sieht es dann anders aus. Zelt wird deshalb meist die erste Wahl sein! In Kashgar ist das Seaman Hotel die erste Wahl für Radfahrer. Hier trifft sich alles, was irgendwie in Zentralasien mit dem Rad unterwegs ist - und das sind mehr als man denkt! Für die letzten Infos zu Westtibet ein absolutes Muß!

Sicherheit

Die Sicherheit für Leib und Geldbeutel ist bei dieser Tour eigentlich nicht das Problem. Außer ein paar nervigen Hunden, die sich durch Steine vertreiben lassen und ein paar Steine schmeißenden Kindern gab es eigentlich keine Probleme. Die Menschen sind meist nett und freundlich. Dies gilt sowohl für Tibeter, Pakistanis, die ganzen Xinjiang-Volksgruppen, als auch für die Chinesen. Allerdings sind zwei Deutsche in der Nähe von Xiadulla von ein paar Chinesen vermöbelt worden - keine Ahnung wer da schuld war (www.grenzenlos-gbr.de)?! Manchmal sind die Leute natürlich ein wenig neugierig und seltsam - aber wer wäre das nicht, wenn bei uns z.B. einer in tibetischer Tracht auf einem Yak durch die Fußgängerzone reiten würde!
Das größere Sicherheitsproblem liegt in der Höhe, den Strapazen, der Einsamkeit und dem teilweisen Wassermangel! Hier heißt es wirklich aufpassen und sich nicht zu überschätzen! Eine vernünftige Akklimatisierung am Anfang ist unerlässlich. Hat man ersteinmal den ersten großen Xinjiang Paß hinter sich, dann führt ein Hirn- oder Lungenödem unausweichlich zum Tod, da ein schneller Transport in geringere Höhen unmöglich ist! Hier ist eine gute theoretische Vorbereitung in Sachen Höhenmedizin wichtig!
Obwohl die Gegend bestimmt zu den einsamsten Regionen der Erde zählt kann man trotzdem auf vorbeifahrende Lastwagen zählen - sprich bei einem Totalzusammenbruch des Fahrrads muß man nicht unausweichlich wegen Nahrungsmangel sterben! Deshalb schön artig jeden Lastwagen grüßen - auch wenn er noch soviel Staub aufwirbelt! Das ist kein Spaß - das Gutstellen mit den LKW-Fahrern ist meiner Ansicht nach die Lebensversicherung eines Radfahrers auf dem Xinjiang-Tibet Highway!

Nahrungsmittel

Die Versorgung mit Nahrungsmittel war leichter als ich es mir vor dem Antritt der Reise gedacht hatte! Die Reise war zwar aus kullinarischer Sicht eine Katastrophe, aber gut essen kann man auch daheim! Mein Hauptnahrungsmittel waren die überall erhältlichen Reisnudelpäckchen. Die Päcken enthalten neben den eigentlichen Nudeln drei kleine Tütchen mit Kräutern, Gewürzen und einer meist nicht näher definierbaren Fleischpampe. Verwendet man alle Tütchen komplett, dürfte der Genuß weitestgehend auf der Strecke bleiben - es sei denn man liebt es richtig scharf! Die Nudeln lassen sich mit heißem Wasser spielend leicht und schnell zubereiten und sind in den kleinsten Ansiedlungen erhältlich. Zwischen den einzelnen Einkaufsmöglichkeiten liegen meist zwei bis drei Tage. Desweitern trifft man aller zwei bis drei Tage auf irgendeinen Truckstop mit einem Restaurant, wo es dann irgendetwas Einfaches zum Essen gibt. In Xinjiang meist noch Nudeln mit irgendeiner Gemüsesoße, in Tibet dann Reis mit Fleisch. Am Anfang sind auch noch die Momos lecker, die aber anders als später dann in Lhasa, eher dem bayerischen Germknödel ohne Füllung entsprechen. Richtige Lebensmittel in einem echten Laden mit etwas größerer Auswahl gibt es zwischen Yecheng und Ali in den folgenden Ansiedlungen: Xaidulla (sogar chinesische Schokolade!), Domar und Rutok. Ab Ali ist die Lage dann etwas entspannter und am Friendship Highway gibt es dann gar keine Probleme mehr.
Den größten Fehler den man also machen kann ist, mit zuviel Gepäck und Lebensmitteln in Kashgar zu starten!!!! Light as possible sollte das Motto dieser Reise sein! Folgende Lebensmittel hatte ich bei meinem Start in Kashgar in den Taschen.

800g Haferflocken Gibts in Kashgar in einem Kaufhaus in der Shengli Lu
4 Knorr Nudelsuppen
4 Local Nudelsuppen
2.5kg Nüsse, Rosinen und Mandeln Für Frühstück und als Snack
500g Zucker Die Lebensversicherung!
200g Milchpulver
18 Päckchen Nescafe Ich kann nur sagen - ein Stück Lebensqualität in der Früh! Gibts auch in der Shengli Lu.

Schon von daheim mitgenommen ...

2 Packungen Brühwürfel Wenn man mal keine Lust auf scharf hat ...
2 Energiebars Einen Früchteriegel und einen Powerbar - für die ganz harten Augenblicke!
40 Vitamintabletten Vitamin- und Calcium-Brausetabletten
60 Teebeutel Einfach und leicht!
1 Sechsländertropfen
1 Griesbrei Vom Dr. Oetker für heißes Wasser

Nachdem die Haferflocken aufgebraucht waren, blieb mir nichts anderes übrig, als statt der Haferflocken in der früh auch noch Nudeln zu essen. Allerdings nicht salzig, sondern süß mit Milchpulver, Rosinen, Nüssen und Zucker! Gar nicht schlecht kann ich nur sagen!
Eine weitere Nahrungsquelle waren Karamellkaubonbons - ähnlich den Mauams. Daheim würde ich die zwar niemals anrühren, aber in Tibet waren die ein echter Energielieferant! Diese kann man sogar in kleineren Ansiedlungen erhalten. Um nicht vom Fleisch zufallen, hab ich ab Ali wo es ging auch viel Bier getrunken.
Eine weitere Nahrungsquelle war ab Ali die tibetanische Nationalspeise Zampa. Das ist ein Brei aus Mehl und Buttertee und wenns hoch herkommt noch mit Zucker. Oft hab ich einfach bei Nomaden gefragt, ob ich ein wenig Zampa haben könnte. Ich hab dann immer eine Kleinigkeit bezahlt, da die tibetischen Nomaden nicht gerade zu den Reichsten gehören! Um nicht mit den Fingern in meinem Zampa rumkneten zu müssen wie die Tibet es tun, hab ich immer meine Blechtasse und einen Löffel genommen und dann das Ganze entsprechend meiner Vorstellung von einer Breikonsistenz selber gemischt. Der Buttertee pur ist, wenn man ihn mit der Vorstellung einer Suppe zu sich nimmt, ganz fein - auch wenn ich davon keinen Liter auf einmal trinken könnte!

Wasser

Bekanntlich ist Wasser lebensnotwenig für den Menschen - vorallem in Höhenlagen wie man sie auf dieser Reise antrifft! Süßwasser ist aber eine Mangelware auf dem Xinjiang-Tibet Highway! Gerade von Xinjiang bis Ali muß man schon genau planen, wie viel Wasser nehm ich mit bzw. wo gibt es Wasser! Wasserstellen können schon mal 60km auseinander liegen - sprich einen ganzen Radltag. Doch keine Panik, wenn man ein bißchen schaut und nicht gerade in der ungünstigsten Jahreszeit fährt, dann ist das ganze halb so schlimm! Auf meiner Fahrt hatte ich nur an zwei Campingplätze kein "fließend" Wasser - einen Tag in der Taklamakan und den anderen wegen Dummheit kurz vor Ali. Desinfiziert hab ich das Wasser das ich kalt getrunken hab immer mit flüssigem Chlor-Micropur. Wasser hab ich immer am Abend in meine Wassersäcke gefüllt, damit ich a) in der Früh bequem aus dem Schlafsack raus mein Frühstück zubereiten konnte und b), damit ich nicht in den Genuß einer zugefrorenen Wasserquelle komme.
Vorsicht ist auch bei den tibetanischen Seen geboten! Zum einen können die Seen Salzseen sein und ihr schleppt über Kilometer Salzwasser mit euch rum, was ihr dann wegschütten könnt (selbst gemacht!), oder die Seen haben wegen eines fehlenden Zuflußes in der Trockenzeit wegen der Austrocknung einen Schlamm- bzw. Algengürtel in den man einbrechen kann - da hatte ich zweimal richtig Angst!

Temperaturen

Leider hatte ich kein Thermometer dabei! Ich denke aber, dass die Temperaturen zwischen -15° und +15° variierten. Am Tag konnte man schön im Hemd fahren. Für die Nacht ist ein sehr guter Schlafsack nicht verkehrt. Auch eine Daunenjacke ist empfehlenswert!
Scheint die Sonne, so ist die Einstrahlung enorm! Eine sehr gute Sonnencreme und Sonnenbrille ist deshalb unerlässlich! Man muß sich immer vor Augen halten, dass harmlose Gesundheitsprobleme ohne ausreichende ärztliche Versorgung in diesen Höhen ziemlich schnell recht unangenehm werden können! Deshalb lieber gesund bleiben und ein wenig mehr aufpassen! Das gilt auch für einen Sonnenbrand.

Brennstoff

Es dürfte klar sein, dass man mit einem Gaskartuschenkocher in dieser Gegend nicht weit kommt. Die Wahl muß ein Bezinkocher sein, der sich außer mit Benzin auch mit anderen Brennstoffen wie Diesel oder Petrolium zufrieden gibt. Richtige Tankstellen gibt es allerdings auch nicht, so dass die Versorgung über Fässer in den kleinen Siedlungen und die vorbeifahrenden LKWs erfolgen muß. Ich hatte als Kocher einen MSR Dragonfly dabei und war als vorheriger Besitzer eines MSR Whisperlights hellauf begeistert! Durch die Feinregelung des Dragonflys lässt es sich auch gut in der Zeltapsis kochen.
Wer es gewohnt ist sein Essen auf einem Feuer zuzubereiten, den muß ich enttäuschen! Hinter dem ersten Xinjiang Paß gibt für eineinhalb Monate keine Bäume mehr! Und das spährliche Brennmaterial wie Yakmist sollte man meiner Meinung nach den Einheimischen lassen.




© Wolfgang Dressel 2005