Die beste Zeit für den Biancograt ist ja angeblich ab Juli. Ob wir auch schon im Juni
eine Chance für dieses große großartige Projekt haben? War schon jemand oben? Gibt
es eine Spur? Ob der Winterraum der Marco e Rosa
Hütte offen ist? Gibt es eine Kochmöglichkeit? Gibt es genug Decken? Recherche im Internet
ergebnislos.
Piz Bernina - links der Spallagrat, rechts der Biancograt
All das beschäftigt uns, bevor der gute Wetterbericht für das lange Wochenende über
Fronleichnam hellgrünes Licht für die Herausforderung Biancograt gibt.
Mittwoch, 18.6.03
16 Uhr, wir falten uns in höchster Kunst des Origamie zu viert mit voller Ausrüstung
in Woife's guten alten Astra. Vier Stunden lang heisst es dann "a bissl sitzn, a bissl
zum Fenster raus schaun", bis wir endlichen den Campingplatz Plauns bei Morteratsch erreichen.
Insgeheim erhofft sich jeder von uns, dass die Nacht auf immerhin 1870m Höhe wenigstens ein
bißchen zur Akklimatisierung beiträgt. Der Gedanke an eine "Von 0 auf 4000m"-Aktion in 2 Tagen
mit anschließender Nacht auf 3600m gibt mir als ersten Kandidat für Höhenprobleme einiges
zum Schaudern.
Donnerstag, 19.6.03
Um 7 Uhr stehen wir auf und als erstes fällt uns die gigantische Aussicht vom Campingplatz
auf Piz Palü, Bellavista und den kompletten Biancograt des Piz Bernina auf. Höchst motiviert
packen wir unsere Sachen und fahren nach Pontresina.

Blumen und Schmetterling im Val Roseg
Für sportliche 18 Franken Parkgebühr stellen
wir das Auto ab und spazieren in Richtung Tschiervahütte (2581m). "Langsam reiten" ist unser Motto für heute
und so genießen wir das Panorama und die Blumenvielfalt, die sich uns darbietet. Nach 3,5 Stunden
erreichen wir ohne viel Schweiß vergossen zu haben die Hütte und beziehen unser Lager.
Kurz vor der Tschiervahütte
Die erste
gute Nachricht kommt vom sehr netten Hüttenwirt: Heute sind schon Leute zum Biancograt aufgebrochen.
Die Verhältnisse sollen ganz gut sein, der Schnee aber noch ein bisschen tief.
Gegen späten Nachmittag lockern langsam die Wolken auf, die bis dahin die Gipfel vor unseren Augen
verborgen haben und so entschließen wir uns zu einer kleinen Erkundungstour. Wir steigen bis knapp
auf 2900m auf und prägen uns den Weg für die Nacht gut ein.
Biancograt von der Tschiervahütte
Schließlich ist es 18.30h und es gibt Abendessen. Unter den wenigen Gästen der Hütte spricht sich schnell
herum, wer welche Tour für den nächsten Tag plant. 10 Leute werden es wohl auf dem Biancograt sein.
Ebenso viele ungefähr zum Piz Morteratsch und Piz Roseg. Wir konnten es kaum glauben. Nur 5 Seilschaften
auf dem Biancograt, wo man sonst Horrorgeschichten von Duzenden sich stauernder Seilschaften hört.
Höchst motiviert legen wir uns um 20.30h zum Schlafen. Ach ja, wo ist eigenllich meine Stirnlampe.
Mist, im Auto. Schwerer Fehler, aber irgendwie wirds schon gehen..
Freitag, 20.6.03
Zugriff - Wir gehen auf den Biancograt ! 2:42 Uhr weckt uns der Hüttenwirt. Routiniert frühstücken wir
und packen die sieben Sachen, so dass dem Aufbruch zur großen Tat um 3.35 Uhr nichts mehr im Wege steht.
Mond über dem Biancograt
Zügig bringen wir die ersten Höhenmeter zum Gletscher hinter uns. Der Firn ist hier fest gefroren und
so bahnen wir unseren Weg mir Steigeisen nach oben. Im Sonnenaufgang bietet sich uns ein atemberaubendes
Spektakel. Langsam färbt sich der Biancograt vor unseren Augen rot, während der Mond über ihm thront.
Ein einmalig beeindruckender Anblick und Anlass für einen nervösen Zeigefinger am Auslöser der Kamera.
Unser Weg
Auf der Hütte hatten wir gelesen, wie das
steinschlaggefährdete Steileisfeld zur Fuorcla Prievlusa auf einem Klettersteig umgangen werden kann.
Dennoch finden wir dessen Einstieg nicht auf Anhieb und folgen deshalb einem Bergführer mit Klientin
am linken Rand des Steilfeldes hinauf. Am Einstieg werden wir gleich von einer Salve abartig schneller
Steingeschosse begrüßt, die haarscharf an uns vorbei fliegen, während wir Schutz im Bergschrund suchen.
In einer eiskanalähnlichen Rinne steigen wir schnell empor und sind bald aus der Schußlinie des Steinschlags.
Durch das Steileisfeld zur Fuorcla Prievlusa
Das leicht firnbedeckte Eis steilt bis etwa 50 Grad auf und ist gut zur begehen. So erreichen wir gegen
7 Uhr die Scharte. Die Blicke auf die Ostseite hauen uns den Schalter raus. Ein Panorama das seines gleichen sucht.
Eine Arena von Gletscherbergen wie sie beeindruckender fast nicht sein kann.
Piz Palü, Bellavista und ich von der Fuorcla Prievlusa
Für den folgenden Felsteil mit Schwierigkeiten bis in den 3. Grad benötigen wir gute zwei Stunden. Die
Kletterei ist purer Genuss und bestens abzusichern. Unsere Taktik mit einem Halbseil doppel genommen, bewährt
sich gut. Den letzten Turm könnte man auf der Bovalseite, sprich links, im Firn umgehen. Aber wegen der
unberechenbaren Spaltengefahr bleiben wir bis zum Schluss im Fels.
Fest vorgenommen hatte ich mir, viele Fotos vom Grat zu machen, um das Erlebnis später nachvollziehen zu können.
So hatte ich einen frischen Film (den letzten) eingelegt und die Kamera griffbereit in einer Umhängetasche. Dummerweise
habe ich vergessen den Riemen der Kamera umzuhängen und so fällt das gute Stück beim Klettern heraus und
purzelt ein paar Meter über den Fels. Die gute Nachricht: Die Kamera nahm keinen Schaden. Die schlechte: Das
Filmfach hat sich geöffnet und der Film ist herausgefallen. Jetzt stehe ich da mit Kamera ohne Film auf
diesem einmaligen Grat. Ich hätte mich in den A... beissen können...
Mein einziges Bild vom Grat - Der Einstieg in den Fels
Gegen 9.15 Uhr erreichen wir den Firngrat. Der Schnee ist hart gefroren und wir fühlen uns sicher genug, um
seilfrei zu gehen. Schnell lernen wir eine neue Eigenheit des Grates kennen. Den Wind. Obwohl für St. Moritz
nur 8 km/h Wind angesagt sind, peitscht uns hier ein böiger orkanartiker Wind um die Ohren. Verständigung
ist nur noch durch Schreien aus nähester Distanz möglich und teilweise ist es kaum möglich, aufrecht zu gehen.
Doch das Schlimmste ist die psychische Belastung dieses Sturms. Er raubt einem schnell jeden Spaß am Gehen.
In jede Ritze des Kleidung treibt er die Eiseskälte und mir persönlich wird schnell klar, dass das ganze
jetzt keine Spaßveranstaltung mehr ist, sondern ein Kampf mit den Gewalten der Natur. Die folgenden 7 Stunden
soll der Wind immer unser Begleiter sein und nur wenige Nieschen des Grates boten einen Schutz.
Nach einer guten halben Stunde im Firn wird der Grat ein Stück breiter und wir stehen plötzlich im Blankeis.
Wir beschließen einstimmig mit Eisschraubenständen zu sichern, bis wir wieder Trittfirn erreichen. Doch
wegen des steilen, extrem ausgesetzten Geländes und der gewaltigen Kraft des Windes sichern wir auch im
folgenden noch mit Steckpickeln bis wir wieder im flacheren Gelände sind. Auch hier bedeutet jetzt noch jeder
Fehler einen Abgang in die Tiefe, aber man kann diesen Grat nicht komplett sicher, sonst braucht man viel zu lange.
Um 11.10h erreichen wir das Ende der Firnschneide und somit den Piz Bianco. Eine kleine Niesche bietet dort
Windschatten und total entnervt kauere ich mich in die Mulde und esse und trinke. Der Blick nach vorne
zeigt das Ziel Piz Bernina in greifbarer Nähe. Nur noch dieses kleine Felsstück. Ich erinnere mich an den
Ausdruck "Gruselstück" für diesen Teil der Tour und nenne den Grat deshalb gleich Gruselgrat, obwohl ich
so endlos froh bin, dem ausgesetzten Firn entkommen zu sein und wieder festen Fels unter den Füßen zu haben.
Zunächst geht es durch bröseliges Gehgelände zu einer Abseilstelle, dann in leichter Kletterei auf den Turm,
dann aber wieder schwerer abzuklettern auf der anderen Seite. Gute 2 Stunden zieht sich das Ganze nochmal hin,
wobei wir mittlerweile körperlich komplett am Ende sind und teilweise nur noch letargisch vor uns hin stolpern
uns klettern.
Wann wir genau auf dem Gipfel sind, weiss ich nicht mehr. Ich kauere mich in eine windgeschützte Ecke und
bettel den Woife an, möglichst schnell abzusteigen. Längst martert mich Höhenkopfschmerz und der Energielevel
ist auf Reserve.
So geht es hinab über den Spallagrat. Zunächst durch Geröll und dann auf einem Firngrat, der den Biancograt
an Ausgesetztheit noch übertrifft. In extrem weichen Sulz auf einer messerscharfen Schneide, mit steilen
Abbrüchen zu beiden Seiten, balancieren wir Schritt für Schritt vorwärts. Eine ander Wahl haben wir ja eh nicht.
Die folgenden Felsteile des Grates seilen wir ab und erreichen geben 17 Uhr die Marco e Rosa Hütte (3597m).
Rifugio Marco e Rosa
Wir beziehen den Winterraum, weil die Hütte noch geschlossen ist. Hier finden wir Platz für 30 Personen.
Wasser gibt es allerdings nicht und eine Kochmöglichkeit auch nicht. Zum Glück haben wir einen Gaskocher
dabei zum Schnee schmelzen. Nach einer kurzen Mahlzeit lege ich mich hin und schlafe bis zum nächsten Morgen.
Winterraum des Rifugio Marco e Rosa
Samstag, 21.6.03
5.30 Uhr wache ich auf und wir schmelzen wieder Schnee für einen Frühstücks- und Marschtee. Dann geht es
hinaus. Auch um die Hütte pfeift ein orkanartiger Wind und nur mühevoll kommen wir vorwärts.

Zur Bellavistaterasse
Wir steigen
hinauf auf die Bellavistaterasse. Wir haben uns die Option offen gehalten, noch die 200 Hm auf die Bellavista
aufzusteigen. Aber die Verhältnisse sind sehr schlecht. Tiefer, weicher, sulziger Schnee und keine Spur
nehmen uns jede Motivation und so steigen wir direkt über den Fortezzagrat ab.
Am Fortezzagrat
Die Abseilstellen sind bestens
markiert und unterhalb des Grates kann man im Firn fast bis hinunter auf den Morteratschgletscher abfahren.
Wir lassen es heute gaaaaaanz gemütlich angehen und geniessen es, in dieser gigantischen Arena zu stehen.
Vor allem sind wir unheimlich stolz auf das Geleistete.
Piz Bernina vom Morteratsch Gletscher
Am Bahnhof Morteratsch angekommen nehmen wir den Zug nach Pontresina und beziehen nochmal Quartier auf den
Campingplatz Plauns. Als Abendessen gab es Pizzochheri, ein typisches graubündener Gericht, im Restaurant
des Hotel Müller in Pontresina. Wirklich zu empfehlen.
Sonntag, 22.6.03
Heimreise über Livigno. Highlight: 0.63 Cent für 1 Liter Super Bleifrei - Low Light: 9 Euro für den kurzen Tunnel
zurück in die Schweiz.
|